Der Tigerschnegel ist unverwechselbar: Eine ungewöhnlich lange, gemusterte Nacktschnecke, die auf den ersten Blick fast wie eine kleine Schlange erscheint und bis zu 20 cm messen kann. Auf hellgrauem oder beigem Grund trägt das Weichtier dunkle Längsstreifen, die sich auf der vorderen Körperhälfte oft in einzelne Flecken auflösen und an die Musterung eines Leopardenfells erinnern – auf Französisch heisst der Tigerschnegel denn auch Limace léopard.

Akrobatische Paarung

Tigerschnegel sind Zwitter und paaren sich während des Sommers auf eine einzigartige, höchst ungewöhnliche Weise. Paarungsbereite Tiere verfolgen sich, belecken und beknabbern sich freundlich, kriechen einander auf eine erhöhte Stelle nach – einen Mauervorsprung oder einen Ast –, umwinden sich und seilen sich dann eng umschlungen an Schleimfäden, die zu einem gemeinsamen Strang verdreht werden, bis zu 40 cm tief ab. Frei hängend stülpen nun beide ihren Penis aus und übergeben sich gegenseitig Spermienpakete. Beide Partner legen anschliessend mehrere hundert Eier, meist in verschiedenen Gelegen, die zwischen Wurzeln platziert werden. Nach rund drei Wochen schlüpfen aus denjenigen Eiern, die nicht Parasiten wie Milben, Fliegen oder Nematoden zum Opfer gefallen sind, winzige, blasse Schnegelchen.

Tigerschnegel-Paarung, hängend am Schleimfaden stülpen die Tiere ihre bläulich-weiss gefärbten Penisse aus und übergeben sich die Spermien.

Ablauf der Paarung

Fotoserie zur Verfügung gestellt von Christine Dobler Gross.

Am Morgen des 8. Oktober 2020 begegnen sich an einem Mäuerchen in einem Garten im Süden der Stadt Zürich zwei paarungswillige Tigerschnegel.
Sie verfolgen sich, das hintere Tier benagt und beleckt das Schwanzende des Partners, der zugleich auch Partnerin ist, denn Tigerschnegel sind Zwitter (8.49 Uhr). 
Sie klettern am Mäuerchen herum.
Der Mauervorsprung scheint den beiden geeignet für die folgende Aktion – das gemeinsame Abseilen (9.15 Uhr). 
Sie bilden Schleimfäden, die an der Mauer festgeklebt werden, und seilen sich eng umschlungen an den zu einem Strang verdrehten Schleimfäden ab (9.23 Uhr). 
In der Luft hängend fahren die Schnegel nun – wenige Sekunden später – ihre Penisse aus (9.23 Uhr). 
Auch die beiden Penisse wickeln sich umeinander (9.29 Uhr). 
Schliesslich findet ein gegenseitiger Austausch von Spermienpaketen statt. Die eigentliche Begattung nimmt dann jedes der beiden Tiere selbst vor (9.34 Uhr). 
Hier hängen die beiden Schnegel noch in der Luft (9.38 Uhr). Kurz darauf erreichen sie den Boden und lösen sich, im Blatttwerk versteckt, aus der Umschlingung. 

Dieser Beitrag über den Limax maximus ist im November Pflanzenfreund 2020 erschienen. Dort können Sie ihn in voller Länge nachlesen.