Seine erste Begegnung mit Gräsern war zwiespältig. Im Kinderbeet von Alois Leute bildete das Bandgras (Phalaris arundinacea ’Variegata’) so viele Ausläufer, dass er es kaum im Zaum halten konnte. Erst Jahre später versöhnt sich der heutige Landschaftsarchitekt wieder mit der Familie der Süssgräser. Durch Karl Foersters Buch entdeckt er eine Pflanzenwelt, die ihn berührt und inspiriert.

Wurzeln der Gräserleidenschaft

Oftmals ist zu lesen, dass die Verwendung von Gräsern auf Karl Foerster zurückgeht. Sicher ist, dass er sich mit missionarischem Eifer für sie eingesetzt hat. Als Gartenpflanze entdeckt hat sie Foerster selbst bei Gartengestalter Berthold Körting (1883 – 1930), der seine Eindrücke der russischen Landschaften während des ersten Weltkrieges in seinen «Staudensteppen» verarbeitete. Diese Pflanzengesellschaften benötigten weder Düngung noch Bewässerung und vereinten Wildpflanzen mit Gartenstauden. Im Laufe seiner züchterischen Arbeit erweiterte Foerster das um 1900 kleine Gräsersortiment auf rund 75 Arten und Sorten, darunter auch das heute noch beliebte Reitgras (Calamagrostis acutiflora ’Karl Foerster’).

Das Afrikanische Lampenputzergras (Pennisetum setaceum ’Rubrum’) blüht von August bis Oktober. Da es bei uns nicht winterhart ist, eignet es sich vor allem für Gefässe, als temporärer Blickfang.

Bescheidene Kosmopoliten

Foerster war einer der ersten im deutschsprachigen Raum, der in seinen Büchern das Wissen vermittelte, dass viele unserer Gartenpflanzen nicht heimische Gewächse sind, sondern aus allen Erdteilen den Weg zu uns gefunden haben. Auch Gräser sind weltweit verbreitet und in allen Klimazonen zu finden. Ein Aspekt, der sie für die Verwendung im Garten so interessant macht: «Gräser gibt es für alle Standorte von feucht bis trocken, von schattig bis vollsonnig», erklärt Alois Leute. Dank ihrer Vielgestaltigkeit lassen sich mit Gräsern ganz unterschiedliche Stimmungen schaffen. Straff aufrecht wachsende wie Rutenhirse (Panicum virgatum) oder Halbkugeln bildende wie Lampenputzergras (Pennisetum) und Segge (Carex) setzen geordnete Akzente im Beet. Wer es wilder liebt, pflanzt das Zarte Federgras (Nasella tenuissima), das sich versamt und munter durchs Beet wandert: «Die dynamischen Gräser sind etwas für Fortgeschrittene», gibt Alois Leute lachend zu bedenken. Entweder gerate man ob ihrer Ausbreitungsfreude in Panik oder man bleibe entspannt und greife einfach beherzt ein. Überzählige Exemplare des Federgrases liessen sich leicht verpflanzen, jäten und verschenken.

Wogende Wellen

An wirklich schattigen Standorten fühlen sich Japanisches Berggras (Hakonechloa macra) und Seggen (Carex) wohl. In Gruppen gepflanzt, wirken sie wie grüne Teppiche, die sich im Wind leicht bewegen. Während sich das Berggras im Herbst zurückzieht und erst wieder im Frühling frisch austreibt, behalten Seggen den ganzen Winter über ihre grünen Halme. Je nach Sorte sind sie panaschiert oder hellgrün wie bei Carex oshimensis ’Everest’ und ’Everillo’ oder intensiv-grün wie bei ’Kyoto’. Als Pflanzpartner empfiehlt Alois Leute Stauden, deren grossblättriges Laub einen Kontrast zu den filigranen Halmen bildet: «Harfe und Pauke, wie es bereits Karl Foerster so treffend beschrieben hat.» Denkbar sind Kaukasus-Vergissmein-nicht (Brunnera macropylla ’Jack Frost’), Silberglöckchen (Heucherella), Falsche Alraunwurzel (Tellima grandiflora) oder kleinere Funkien (Hosta). Blütenakzente im Schatten setzen Prachtspiere (Astilbe simplicifolia ’Sprite’) und niedrigere Sorten der Herbstanemone wie ’Little Princess’ und ’Dreaming Swan’. Wer die Komposition mit kleinwüchsigen Gehölzen ergänzen möchte, pflanzt Scheinhasel (Corylopsis pauciflora), Eichblättrige Hortensie (Hydrangea quercifolia) oder Japanische Berghortensie (Hydrangea serrata).

Einfaches Pflegeprogramm

«Über den Winter lasse ich alles stehen, was gut aussieht», fasst Alois Leute seinen Ansatz zusammen. Gräser, die schon beim ersten Schnee umfallen – wie Hohes Pfeifengras und Diamantgras – werden im Herbst vorbeugend geschnitten. Standfeste, dekorative Halme und Samenstände dürfen bis zum Neu-austrieb im Frühjahr bleiben. Sie bieten Insekten Unterschlupf und Vögeln Nistmaterial. Immergrüne Seggen und das Federgras werden im Frühling nur ausgeputzt und ausgekämmt. Dem Zusammenbinden von Gräsern im Winter kann Alois Leute aus pragmatischen Gründen etwas abgewinnen, da sie sich im Frühling einfacher schneiden lassen. Optisch gesehen bevorzugt er dagegen offene Gräser. Als Herbstmulch eignen sich Gräser nicht, da sie sich dadurch unerwünscht versamen können. Alois Leute ist überzeugt, dass Gräser zu den Gewinnern des Klimawandels zählen. Viele Arten kommen aus Gegenden, die trocken und heiss sind, sodass sie auch im Garten nicht gewässert werden müssen. Dass er sich eine Bepflanzung ohne Gräser kaum vorstellen kann, liegt aber an den gestalterischen Möglichkeiten. Wer anstelle einer immergrünen Hecke schnellen Sichtschutz wünscht, kann zum Beispiel eine Hecke mit gemischten Sträuchern pflanzen und dazwischen hochwachsende Gräser – als Lückenfüller, bis die Hecke dicht ist.

Alois Leute
Nach seiner Lehre als Zierpflanzengärtner absolvierte er ein Studium der Freiraumplanung an der Fachhochschule Weihenstephan (D). Aktuell arbeitet der Landschaftsarchitekt und Pflanzenspezialist bei Salathé Rentzel Gartenkultur in Oberwil (BL).

Der vollständige Artikel ist in der Mai-Ausgabe des Pflanzenfreunds erschienen und kann dort nachgelesen werden.