«Ich bin einer der wenigen, die ihr Hobby zum Beruf machen konnten. Ich muss nie arbeiten, erhalte aber trotzdem Geld», sagt der drahtige Mann mit dem grauen Lockenschopf. Johannes Burri trägt Arbeitshosen und Gummistiefel und geht schnellen Schrittes über die Felder des Ebnethofs. Eine sanfte Maisonne fällt auf die idyllischen St. Galler Hügel zwischen Wil, Gossau und Sulgen. Seit der Elterngeneration ist der Ebnethof in Familienbesitz, im Nachbargebäude wohnt der Bruder von Johannes Burri mitsamt Familie. Mitte Mai blühen in den die Gebäude umsäumenden Pflanzkulturen Habermarch, Saat-Esparsetten, Witwenblumen, Skabiosen, Gold-Pippau, Rauer Löwenzahn, Flockenblumen, Margeriten – und vieles mehr. Die Sedum-Kulturen sind bereit zum Schneiden, um schon bald Dächer zu begrünen. 518 Pflanzenarten vermehren Johannes und Marlies Burri auf ca. sechs Hektaren im Auftrag von UFA Samen. Sie sind die Basis für
artenreiche Gründächer, Pionierpflanzengesellschaften, Buntbrachen, extensiv genutzte Wiesen, Saumgesellschaften – immer Pflanzengesellschaften, die in der Natur vorkommen. Der Alltag von Johannes und Marlies Burri dreht sich um das eine: Wildblumen zum Blühen zu bringen.

Johannes Burri

Von vier Quadratmetern auf sechs Hektaren

Begonnen hat alles Mitte der 1980er-Jahre. Damals war Marlies Burri 25 Jahre alt, Johannes Burri Anfang 30. Schon zu jener Zeit war er für den Einkauf für Wildblumen Saatgut bei UFA Samen zuständig. UFA Samen ist ein Geschäftsbereich der Agrargemeinschaft Fenaco und nimmt eine führende Stellung im Schweizer Saatgutgeschäft ein. «Doch wir erhielten immer falsches Saatgut, also Zuchtformen oder unkorrekte Unterarten. Zusätzlich hat man den ersten Mischungen der 1980er-Jahre landwirtschaftliche Gräser zu den einjährigen und den paar wenigen Gartenblumen gemixt. Man hatte wirklich die Illusion, daraus könnte eine richtige Blumenwiese werden. » Auf vier Quadratmetern fing das Ehepaar Burri mit der Saatgutproduktion an, zunächst mit Habermarch, besser bekannt als Wiesenbocksbart. Es folgten Salbei, Skabiose, Habichtskraut. Irgendwann war der einstmals kleine Garten auf 20 Aren angewachsen. «In den 1990er-Jahren konnten wir die ersten Mischungen machen, die nur aus einheimischen Wildblumen bestanden. Um die 2000er-Wende kam die erste Mischung mit einheimischen Wildgräsern hinzu.»

Die Schönheit entschädigt

Heute schlängeln sich die Kulturreihen in sanften Bögen übers Areal. Sobald die Samen geerntet sind, kommt eine neue Kultur. Zwischen den Pflanzen wachsen Ehrenpreis, Vögelikraut, Fingerkraut. Eigentlich Unkräuter. Aber bleiben sie niedrig, funktionieren sie als Bodendecker. Was die Blütenköpfe in Höhe übertrumpft, gilt als Konkurrenz und wird entfernt – in Handarbeit. «Alles, was man muss, machen wir von Hand», sagt Johannes Burri. «Alles, was man kann, machen wir mit den Maschinen.» Dass es neben der Zielart bunt in anderen Farben blüht, wundert manchen Besucher. «Bei anderen Produzenten ist alles perfekt gejätet», sagt er. «Aber um diesen ‹perfekten› Zustand zu erreichen, ist viel mehr Arbeit erforderlich, der Boden trocknet schneller aus und die Pflanzen sind weniger gesund. Dabei ist der Quadratmeter-Ertrag zwischen unserer Kulturart und der herkömmlichen vergleichbar.» Sicher gäbe es auch einmal Verunreinigungen des Saatguts. «Dafür haben wir die Aufbereitungsmaschinen. Wir sagen immer: Wir jäten im Aufbereitungsraum. Mit den Maschinen könnten wir eine gedroschene Wiese in 25 Einzelkomponenten aufteilen.» Es sei die Schönheit der Wiesen, die sie für ein ganzes Jahr Arbeit entschädigt, erzählt Marlies Burri. «Wenn es blüht, ist es einfach ein Traum. Die vielen Schmetterlinge, Marienkäfer und Wildbienen, die wir hier antreffen: Das ist fantastisch. Die Biodiversität ist sehr hoch.»

Mal höher, mal niedriger, buschig oder überhängend: Was aus dem Luzerner Basissaatgut des Zittergras (Briza media) entstanden ist, zeigt auf dem Feld ganz unterschiedliche Wuchsformen.

Kaufen und profitieren

Damit eine Wildblumenwiese funktioniert, brauche es drei Dinge, sagt der Wildblumenpionier. «Einmal das Saatgut. Es muss aus einheimischen Wildgräsern und einheimischen Wildblumen bestehen. Einjährige Blumenwiesenmischungen bringen nichts. Der zweite Punkt ist die richtige Anlage, also die Anbautechnik. Als drittes kommt die richtige Pflege.» Doch ohne Bedachtsamkeit, das wissen Marlies und Johannes Burri seit den Anfängen ihrer Saatgutproduktion, funktioniert gar nichts. «Wir leben heute im Zeitalter des Rollrasens. Kaufen und profitieren, das ist die Devise. Nach diesem Prinzip funktionieren auch die einjährigen Mischungen. Die Blumen, die wir hier am Hof Ebnet produzieren, brauchen durchschnittlich zwei Monate, bis sie keimen, und dann vergeht ein weiteres Jahr, bis sie Teil der Wiesendynamik sind. Diese Dynamik ist veränderlich. Erst setzt sich der Salbei durch, samt ab, dann die Witwenblume, dann die Margerite, die Flockenblume – und schon gibt es Stellen, wo nur noch Salbei oder Witwenblume, Margeriten oder Flockenblumen wachsen. Im nächsten Jahr kann es aber schon wieder anders aussehen. Eine Wiese ist nicht statisch, sie wandelt sich. Wer diese Geduld nicht hat und nur auf einjährige Blütenpflanzen setzt, der sät einmal, es macht ‹Puff›, und schon ist alles vorbei.» Ganz abgesehen davon, dass die Insektenwelt auf die einheimischen Pflanzen angewiesen ist. Teils würden in den Einjahresmischungen sogar Neophyten ausgebracht, teils Gartenblumen, die auf der Watchlist stehen. «Solange sie in den Gärten bleiben, ist das egal, aber wenn sie in die freie Landschaft rausgehen – in Sachen Ökologie ist das sehr problematisch.»

Die ganze genetische Vielfalt

Das Prinzip, nach dem Johannes und Marlies Burri arbeiten, ist ein einfaches: Sie suchen in der ganzen Schweiz nach regionaltypischen Wiesen in möglichst ursprünglichem Zustand, besuchen sie drei-, viermal während der Samenreife und sammeln das Saatgut. Auf dem Ebnethof wird das gesammelte Basissaatgut zwischenvermehrt: ausgesät, pikiert, später ins Freiland gesetzt. Im Durchschnitt dauert die Keimzeit zwei Monate. Manchmal keimen Teile des Saatguts einer bestimmten Art aber erst nach einem Jahr, manchmal erst nach zwei Jahren. «Jede einzelne Pflanze ist ein Individuum, vergleichbar mit einer eigenen Sorte. Sie zeigt individuelles Wachstum. Manche sind höher, manche buschiger. Die einen blühen etwas früher, die anderen später. Aus dieser Varianz ergibt sich die Anpassungsfähigkeit. Wir produzieren ganz bewusst diese natürliche Bandbreite. Denn es ist ja so: Handelt es sich um eine trockenresistente Pflanze und es ist über Wochen sehr feucht, sterben alle Pflanzen ab. Ein einzelner Schädling kann eine ganze Anlage zerstören, wenn die Pflanzen genetisch identisch sind. Bei unserer Art der Vermehrung kann es in der Bandbreite der trockenheitsresistenten Pflanzen welche geben, denen die Feuchtigkeit weniger stark zu schaffen macht. Oder welche, die der Schädling weniger mag. Das ist die genetische Vielfalt.» Ist genug Saatgut von einer bestimmten Herkunft auf dem Ebnethof zwischenvermehrt, geht es an einen Saatgutvermehrer, der nahe des ursprünglichen Sammelstandortes wohnt. Dort wird es in grösserem Rahmen weitervermehrt. UFA Samen erstellt schlussendlich daraus artenreiche Samenmischungen für Gemeinden, Gartenbaubetriebe, Golfplätze, für die Landwirtschaft und für Hobbykunden. «Hier auf dem Ebnethof sind wir nur die Drehscheibe, wir verkaufen nichts direkt ab Hof», erklärt Johannes Burri. UFA Samen betreibt schweizweit ein Netz aus 39 Produktionsbetrieben und 100 Hektaren Vermehrungsfläche.

Wächst die Knäuel-Glockenblume (Campanula glomerata), deutet dies auf eine besonders gute Wiesenqualität hin.

Im Hobbygarten gibt es Nachholbedarf

In den letzten Jahren verspürt das Ehepaar Burri eine leichte Veränderung im öffentlichen Bewusstsein, was die Pflege von Rasen und Wiesen anbelangt. Dies sei zu einem guten Teil der Mission B zu verdanken. Johannes Burri: «Viele Leute wollen jetzt den Rasen nicht mehr bewässern oder spritzen. Sie lassen den Löwenzahn wachsen. Damit hat sich schon einiges verändert. Schon vor Mission B haben wir sehr viel Saatgut verkauft, jetzt ist es eben noch mehr.» Doch noch immer läuft es ihm kalt den Rücken hinunter, wenn er einen Garten sieht, in dem alle Rasenkanten geschnitten und wo die Büsche verstümmelt sind, wo zu grosse Bäume gesetzt wurden, denen der Platz fehlt. «Das statische Denken verstehe ich einfach nicht. Ein Garten lebt doch. Wo an einem Tag eine Butterblume wächst, kann sich am nächsten die Brennnessel ausbreiten. Zu beobachten und zu staunen und zu sagen, oh, da kommt ein Beinwell und hier drüben, da schaut ein Natternkopf hervor und du sagst, ‹Hallo!›, das ist doch das Schönste. Und nächstes Jahr ist er vielleicht wieder weg. Aber viele Leute denken anders. Da ist der Sitzplatz, und da hat es sauber zu sein. Da ist der Rasen und dort die Staudenrabatte. Der Garten ist immer ein Kampf. Das hat sich mit Mission B zwar etwas verändert, aber gerade im Hobbygarten gibt es Nachholbedarf.» «Es fehlen die Vorbilder», fügt Marlies Burri hinzu. «In unserem Nutzgarten produzieren wir Gemüse. Aber wir lassen die Brennnesseln stehen, wir lassen das Jätgut stehen, wir nehme nichts raus. Wir schauen einfach, dass der Salat keine Konkurrenz hat. Ich glaube manchmal, man muss die Leute an die Hand nehmen und sagen, ‹Schau, dieser Beinwell hier, das ist eine Heilpflanze, die musst Du nicht rausreissen.› Es braucht einfach mehr Biodiversität in den Gärten, auch um die Wiesenwelt der Schweiz zu retten.»

Blackbox-Pflege für Blumenwiesen

Vielleicht könnte auch ein anderes Pflegeregime dabei helfen. «Blackbox-Pflege für die Blumenwiese» nennt Johannes Burri das. Als neuer Trend sei das unter bestimmten Voraussetzungen auch für ältere Blumengemeinschaften anwendbar. «Doch für Leute, die sich genaue Vorstellungen davon gemacht haben, wie eine Blumenwiese auszusehen hat, ist das undenkbar.» Für die Blackbox-Wiesenpflege gelten zwei Regeln: Invasive Neophyten haben auf der Fläche nichts verloren und müssen entfernt werden. Ausserdem muss die Fläche mindestens jedes zweite Jahr gemäht werden. Das ist alles. «Das sind die Leitplanken, alles andere ist erlaubt, man darf alles, muss aber gar nichts», wie Johannes Burri im aktuellen UFA-Wildblumenschlüssel schreibt. «Jede einheimische Wildpflanze ist willkommen. Das Wort Unkraut können Sie getrost aus ihrem Wortschatz streichen.» Doch was kommt dabei raus, wenn das Gras nur einmal oder dreimal oder gar nicht geschnitten wird, wenn die Kinder auf der Wiese spielen oder sich unberührte Wildnis ausbreiten darf? «Man wird Pflanzen, Tiere und Strukturen entdecken, die niemand erwarten würde. Und jedes Jahr gibt es wieder neue Überraschungen.» Dann bleibt nur noch eines: Sich angesichts der ungeheuerlichen Wiesendynamik einfach zu freuen.

Die Kinderstube von Hof Ebnet. Sobald die Pflanzen kräftig genug sind, werden sie in den Aussenbereich gepflanzt.

Dieser Artikel ist im Sommer-Pflanzenfreund 2020 erschienen.