Liebe Leserin, lieber Leser

Meine ich nur, oder vergeht die Zeit schneller, wenn man älter wird? Gerade eben, so fühlt es sich an, habe ich den letzten Topf aus dem Schopf geholt und mit Kräutersetzlingen gefüllt, die Beete bepflanzt und Blumen gesät, was das Zeugs hält. Von einer reichen Gemüse- und Salaternte konnte ich diesen Sommer aber nur träumen, zu dominant waren die Schnecken-, Dickmaulrüssler-, Heuschrecken- und sonstigen Frässlingspopulationen, die sich an allem, was auch mir gemundet hätte, gütlich taten.

Jetzt ist der Sommer vorbei, die Blumenwiesen gesenst oder verblüht, die Beete leer, und die letzten Kartoffeln aus der Erde geholt. Der Herbst steht vor der Tür und mit ihm auch die letzten Insekten, die entweder bald sterben, oder sich auf die kalte Jahreszeit vorbereiten und sich einen sicheren Überwinterungsplatz suchen. Viele von ihnen wetteifern um die letzten verbleibenden Blüten und deren Nektar oder Pollen, sei es für sich selber oder den Nachwuchs.

Nach einem Gartenjahr wie diesem wird mir einmal mehr bewusst, welche Pflanzen dem launischen Klima auch in Zukunft gerecht werden und was ich garantiert nicht mehr setze oder kaufe. Vor allem aber habe ich einmal mehr verstanden und akzeptiert, dass ich nicht in die dynamischen Prozesse der Natur eingreifen kann und auch nicht muss. Denn was früher noch als Pflanzenexot galt, hat sich unter Umständen heute schon bei uns etabliert und ist Bestandteil einer neuen Pflanzengesellschaft, die sich durchgesetzt hat oder andere, die verschwinden. So wie das Klima sich verändert und unberechenbar ist, so müssen auch wir lernen, dass vieles nicht mehr mit früher verglichen und alte Gewohnheiten hinterfragt werden sollten. Denn wieso wurde uns schon früh eingebläut, dass der Garten aufgeräumt, zurückgeschnitten und eingepackt in den Winter soll?

Ich jedenfalls werde mich nicht mehr der Winter Einpack-Euphorie und dem Zurückschneide-Aktionismus hingeben. Ich mache es wie die Insekten oder die Pflanzen und ziehe mich aus dem Garten zurück. Überlasse der Natur ihren Lauf und hoffe, dass die einen oder anderen ein sicheres und geschütztes Plätzchen zum Überwintern finden und dass ich ihnen oder deren Nachkommen im Frühling begegnen werde.

Ihre Redaktion