Liebe Leserin, lieber Leser

Livingstone ist ihr klangvoller Name und ich habe sie – die Rhabarberpflanze – diesen Sommer nur deshalb gekauft, weil sie mich an meine Reisen nach Schottland, Australien, Guatemala und in die USA erinnert, wo es überall Orte mit dem Namen Livingston(e) gibt. Und genauso schön wie der Name, hat sie beim Kauf auch ausge­sehen: gross, kräftig , mit saftig roten Stielen – mitten im Sommer. Ich habe mir nichts dabei gedacht, als ich sie im Garten­Center in meinen Einkaufswagen stellte. Es war quasi eine Affekthandlung , weil unsere alten Rhabarbern seit Jahren nichts mehr her­geben – und das Schild so verlockend war: «Bis in den Herbst hinein ernten».

Und als ich sie zu Hause auspackte, war mir nicht wohl beim Gedanken, dass ich eben eine genmanipulierte Pflanze gekauft hatte. Oder doch nur eine neue Zuchtform? Meine Freude über den Kauf hält sich jedenfalls bis heute in Grenzen.

Wenn ich es richtig verstehe, ist meinem Rhabarber der hohe Oxalsäuregehalt heraus­gezüchtet worden, damit er nach der Blüte nicht mehr giftig ist und bis in den Herbst hinein geerntet werden kann. Unglaublich, was wir Menschen alles manipulieren können. Bei der weiteren Recherche zu dieser Sorte bin ich im Onlineshop von Lubera gelandet. Dort steht Folgendes über sie: «Die Herbstrhabarbersorte ’Livingstone’ bringt ganz neue Praktiken in die Kultur: Sie kann auch im Sommer und Herbst beerntet werden. Im Gegensatz zu den bekannten Sorten stoppt dieser Herbstrhabarber um den längsten Tag herum nicht das Wachstum, um sich später gänzlich ins Rhizom zurück­zuziehen, sondern wächst putzmunter bis in den Herbst hinein.» Weiter heisst es: «Nun kann man sich natürlich fragen, ob es Sinn macht, aus der ersten «Frucht» des Frühlings gleich ein Ganzjahresgemüse zu machen … Denn, kann man Rhabarber nicht ganz leicht einfrieren? Aber können diese eingefrorenen Stengel wirklich mit den frisch geschnittenen konkurrieren? Diese Fragen muss jeder Gärtner für sich beantwor­ten. Wir meinen, dass die frische Verfügbarkeit über die ganze Vegetationsperiode schon eine ziemlich attraktive Errungenschaft darstellt …»

Ein weiteres Beispiel zum Thema Gentechnik lieferte mir eine unserer Autorinnen: In den USA wurden genmanipulierte Champignons gezüchtet, deren Schnittstellen nicht mehr so schnell braun werden. Das bedeutet aber nicht, dass der Alterungsprozess nicht eingesetzt hätte. Diese Manipulation dient lediglich dazu, dem Konsumenten Frische vorzutäuschen!

Nun fragten wir uns in der Redaktion erst recht, ob solche Züchtungen Sinn machen und dachten, wir thematisieren «die Grenzen der Pflanzenzucht», damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich eine Meinung bilden können. Denn schlussendlich muss jeder diese Frage für sich selber beantworten.

 

ZUM TITELBILD: Diverse Sämlinge, Digitale Collage mit Röntgenbil­dern, aufgenommen in der Millennium Seed Bank in England. © Dornith Doherty

 

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