Ernst Frischknecht (EF), Sie sind einer der ersten Bauern, der 1972 auf Bio umgestiegen ist und werden oft als Biopionier bezeichnet. Dominik Waser (DW), du hast mit deinen jüngsten Lebensmittel-Rettungsaktionen und deinem Verein grassrooted einiges ausgelöst.

Welverbesserer Ernst Frischknecht (links) und Dominik Waser (rechts) im Gespräch.

EF: Ich sehe mich nicht als Pionier. Ich bin nur dank der Generation vor mir auf Bio umgestiegen. Sie waren die echten Pioniere.

DW: Erst seit ich mich mit dem Landwirtschaftssystem auseinandersetze, ist mir bewusst, welchen Stein Ernst damals wirklich ins Rollen gebracht hat. Ich hoffe, mit meinen Aktionen und Menschen wie Ernst, auf eine nachhaltige Landwirtschaft mit Zukunft.

Wer sind die echten Pioniere?

EF: Der Biolandbau wurde schon mit Justus von Liebig (deutscher Chemiker) am Ende seiner Laufbahn ins Leben gerufen. Liebig hatte schon damals Pflanzen verbrannt und festgestellt, dass die Asche Stickstoff, Phosphor und Kalium enthält. Er hat dann eine Nährstoffentzugstheorie aufgestellt. Pflanzen ziehen Nährstoffe aus dem Boden, die der Mensch wieder ersetzen muss. Seine wichtigste Erkenntnis war, diese «Perfektionierung der Pflanzenernährung kann den Bedürfnissen der Pflanzen nicht gerecht werden». Das das Einzige, aus dem wir Menschen Kraft schöpfen und unsere Nahrungsmittel sichern können, ist ein fruchtbarer Boden. Seine Mineralstofftheorie wurde von der Wissenschaft zum Dogma gemacht. Seine späteren Einsichten wurden nicht ernstgenommen. Später kamen dann Rudolf Steiner, Mina Hofstetter und das Ehepaar Müller dazu, die alle im 19. Jahrhundert mit Vorträgen über landwirtschaftliche Experimente, biologischdynamischen und organisch-biologischen Landbau Liebigs späte Einsichten hinterfragten und eine neue Richtung der Pflanzenernährung einläuteten. Diese Leute waren Pioniere, nicht ich.

So bescheiden?

Ernst Frischknecht, der Biopionier. Er ist zusammen mit vier Geschwistern auf dem Bauernhof aufgewachsen. Durch besondere Umstände erhielt er als Bauer viele Einblicke hinter die Kulissen der wissenschaftlichen Forschung und der Politik, erlebte, wie die ursprünglich breite Forschung sich auf immer begrenztere, spezialisierte Bereiche fokussierte, und sich deshalb selber einschränkte. Weil Bauern und Gärtner bei der Arbeit Erlebnisse haben, die im Laboratorium nie möglich sind, setzt er sich für einen positiven Dialog zwischen Praktikern und Wissenschaftern ein.

EF: Ich wurde bekannt, weil ich mich schon früh aktiv dem konventionellen Landbau widersetzte und dem «Gspüri» vieler Bauern und Bäuerinnen, die noch auf die Hinweise der Natur hörten, eine Stimme gegeben habe. Für die damals zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft war Bio eine Gefahr.

Herr Frischknecht, wie hat Ihr Vater reagiert, als Sie den Hof auf Bio umstellen wollten?

EF: Als ich einen Kurs in Biolandbau besuchte, sagte er: «Das isch scho recht, aber mached de Seich dann nachher nöd.» Trotz seiner Skepsis stand er mir aber nie im Weg.

DW: Genau das ist doch eine Pionierleistung. Es braucht Durchsetzungsvermögen und eine Vision. Wir haben Menschen wie Dir viel zu verdanken.

Was war der Auslöser sich gegen das System zu wehren?

DW: Bei mir waren es verschiedene Prozesse, die dazu geführt haben. Zuerst die Wahl des Berufs als Landschaftsgärtner. In der Lehre war zwar Bio ein Thema, aber in der Umsetzung war alles konventionell. Ich habe dann im Garten-Center Meier versucht, eine neue Sichtweise, eine nachhaltigere Beratung rund um das Gärtnern einzubringen. Später habe ich mich entschieden Umweltingenieur mit Biologischer Landwirtschaft zu studieren, denn mir war klar, dass ich meinen Fokus auf die Landwirtschaft ausrichten muss, um etwas zu bewegen.

EF: Ich war zuerst ein grosser Schwärmer der technisierten und chemisierten Landwirtschaft. Für mich war es ein Wunder des Himmels, dass ich nicht mehr jäten musste. Aber dann, als wir in der Meisterprüfung aufzeigen mussten, wie sich die Pestizide auf die Pflanzen und den Boden auswirken, wurde ich stutzig und habe angefangen einiges zu hinterfragen.
Damals gab es nur Kontaktmittel, die als Schutz aufs Blatt gespritzt und bei Regen wieder abgewaschen wurden. Dann aber kamen die systemischen Mittel, die in die Saftbahnen der Pflanzen eindringen, und in jede Zelle der Pflanzen verteilt werden. Am Anfang war das natürlich wahnsinnig spannend, ein Maisacker, den man nicht jäten musste. Später aber machte ich negative Erfahrungen mit dem Herbizid Anthrazin. Der Vater unseres Lehrlings hatte Weizen angesät, der zuerst wunderbar wuchs, dann aber seltsamerweise verkümmerte. Er hat den Landwirtschaftsberater gefragt, was passiert sein könnte und dieser fragte zurück, ob er auf der Vorjahreskultur, welche Mais war, Anthrazin gespritzt habe. Er belehrte uns, dass nach einem Anthrazin-Einsatz als Nachkultur nur Kartoffeln infrage kämen. Meine Frau war entsetzt und meinte, ich ernähre meine Kinder doch nicht mit Lebensmitteln, die dieses Gift vertragen. Das war der Auslöser, das scheinbar Unmögliche, 1972 umzusteigen und Bio ernsthaft zu prüfen. Die Angst vor dem Risiko hat meine Frau und mich zu einem Team zusammengeschweisst. Wir gaben uns vier Jahre für die Umstellung und hatten Glück. Wir konnten definitiv beim Bio bleiben.

Herr Frischknecht, irgendwann haben Sie entschieden, in die Politik einzusteigen.

Dominik Waser, Gründer des Vereins grassrooted Zürich. Dominik Waser ist eigentlich Landschaftsgärtner, doch würde man ihn eher als Aktivist beschreiben. Nach der Lehre als Gärtner zog es ihn immer mehr Richtung Landwirtschaft, so begann er ein Studium an der ZHAW, Biologische Landwirtschaft. 2018 startete er mit Freunden grassrooted, dies war dann auch der Grund fürs vorzeitige beenden des Studiums. Mit grassrooted hat Waser den Anspruch, Systemrelevanz zu erlangen. Nur so lasse sich die nötige Veränderung herbeirufen. Nebenbei ist er beim Klimastreik aktiv und initiierte daraus die Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft».

EF: Eigentlich wollte ich nie in die Politik. Das war für mich ein Graus. Dann aber wurde ich für die Kommission der damaligen Waldzusammenlegung angefragt. Weil ich gegen die Art der Waldzusammenlegung war, entschied ich mich erst gegen den Kommissionssitz, dann wurde mir aber bewusst, dass eine kritische Stimme wichtig ist und plötzlich hatte ich den Mumm, da mitzureden. Dies war die Initialzündung, um in der Politik aktiv zu werden.

Dominik, du hast dich als JuSo-Kandidat für einen Nationalratssitz aufstellen lassen.

DW: Ja, weil ich finde, die Politik hat in den letzten 50 Jahren die Verantwortung nicht hinreichend wahrgenommen. Für uns Jungen ist das sehr schwer verständlich, anderseits bringt es nichts, dass wir uns darüber aufregen, was falsch gelaufen ist. Wir fordern von der älteren Generation Verständnis, dass wir nun radikale Veränderungen brauchen. Ich persönlich spüre eine unfassbar grosse Verantwortung für unsere Nachkommen. Darum möchte ich in die Politik und mit meinen Lebensmittel-Rettungsaktionen möchte ich darauf aufmerksam machen, dass etwas am System nicht mehr stimmt. Ich finde, unserer Generation darf es nicht egal sein, wie die Welt in zwanzig Jahren aussieht.

Wieso ist das landwirtschaftliche Produktionssystem aus dem Ruder gelaufen?

EF: Anfangs 1900 kam die Industrialisierung so richtig in Fahrt. In der Textilindustrie, in der meine beiden Brüder tätig waren, wurde plötzlich das 600-fache einer Mannesleistung mit einer einzigen Maschine umgesetzt. Bei den Bauern aber blieb lange immer noch alles beim Alten. Wir waren nach wie vor den Launen der Natur ausgeliefert. Dann wurde man mit den Pestiziden zum Zauberer. Die richtigen Mittelchen zum richtigen Zeitpunkt und alle Probleme waren gelöst. Doch das war der Untergang. Die Bauern hörten nicht mehr auf ihre Gefühle und Instinkte, sondern glaubten nur noch an die Mittel.

Wie kam es dann zur Überproduktion in der Landwirtschaft?

EF: In der Nachkriegszeit hat der Bund zu den Bauern gesagt, produziert so viel ihr könnt. Für den Verkauf sorgte der Bund. Dann wurden den Bauern in der Berufsschule beigebracht, überall den Mengenertrag zu maximieren. Neue technische Errungenschaften und chemische Wundermittel unterstützten diesen Trend. Es galt der Vorsatz: Viel ist gut, mehr ist besser. Es wurde mehr auf das Aussehen der Früchte, als auf die innere ernährungsphysiologische Qualität geachtet.

Dominik, euer Verein hinterfragt das System und stellt den Produktionsüberschuss der Bauern infrage. Gleichzeitig habt ihr zusammen mit anderen die Initiative Landwirtschaft mit Zukunft lanciert.

DW: Die Frage nach der Überproduktion ist sehr komplex, denn solange wir uns nicht selber versorgen können, sind wir auf Importe angewiesen. Gleichzeitig werden aber in der Schweiz zu viele landwirtschaftliche Produkte hergestellt, sodass die Produzenten immer wieder auf Tonnen von Gemüse hocken bleiben, das entweder in der Biogasanlage endet oder untergeackert wird. Da stimmt doch einfach etwas nicht.

Provokante Aktionen gegen «Foodwaste» finden medienwirksam Aufmerksamkeit: Sensiblilsierungsaktion auf dem Helvetiaplatz in Zürich.

EF: Bis 1975 hat der Bund die Abnahme von Milch und Getreide garantiert und die Preise für die Bauern mit Subventionen hoch, für den Markt tief gehalten. Wir Bauern wurden getrimmt, dass eine Kuh nicht nur 4000l Milch geben darf; angestrebt wurden 8000, dann 10000 und zuletzt 12000 Liter. Das führte zu Überproduktion und Marktschwemme. Aber die damals übliche Agrarpolitik führte uns Bauern zu solchen Missständen. In einem Exportland wie der Schweiz hat die Landwirtschaft einzig die Aufgabe für den Boden und die Natur zu sorgen und so weit als möglich, eine Versorgung mit Nahrungsmitteln in Zeiten gestörter Zufuhr sicherzustellen. Aber in Zeiten gestörten Zufuhr gibt es keine Importe von Sojafuttermitteln aus Brasilien und keine Importe von Dünger. Die Landwirtschaft wird von den vorund nachgelagerten Betrieben diktiert.

DW: Ja, der Grossverteiler diktiert den Verband.

Dominik: Ist denn Lebensmittel zu retten die Lösung?

Dominik Waser setzt alles daran, dass auch krummes Gemüse einen
Wert hat: Rettungsaktion von farbigen Bio-Rüebli am Martinimarkt im November 2018.

DW: Lebensmittel zu retten ist nur Symptombekämpfung. Ich mache diese Aktionen, um den Wert hinter einem landwirtschaftlichen Produkt aufzuzeigen. Ich möchte informieren, wie krank das System ist, denn niemand schmeisst gerne Lebensmittel weg. Aber auch wenn ich x-Tonnen Tomaten rette, kaufe ich diese einem Grossproduzenten ab und verkaufe sie wieder. Aber am System ändert sich dadurch nichts. Der Sinn hinter grassrooted ist zu informieren, zu bilden und die Gesellschaft zu sensibilisieren. Jeder schiebt alles dem anderen in die Schuhe. Der Konsument sagt, der Bauer ist der Böse, weil er Gift einsetzt. Der Grossverteiler sagt, ich verkaufe nur das, was die Konsumenten wollen, und die Bauern sagen, der Grossverteiler kauft uns nur die beste Qualität ab. Nur wenn die Leute besser informiert sind, kann sich etwas verändern.

Herr Frischknecht, ist Bio die Lösung?

EF: Es braucht von der Gesellschaft einen Denkprozess, der eingeleitet werden muss. Darum sehe ich nur eines, die Aufklärung. Zwischen den Rahmenbedingungen setzenden Institutionen braucht es dringend einen Dialog und koordinierte Forschung. Denn, erst wurde Bio von der Wissenschaft ignoriert und von der Politik bekämpft, später stellte der Bund eine eigene, abgeschwächte Biorichtlinie auf. Biobauern und Zulieferer von grossen Biohandelspartnern werden angeleitet, Dünger und Reststoffe aus den Biogasanlagen für den Biolandbau einzusetzen. Dies hat mit Bio überhaupt nichts mehr zu tun. Das ist eine Stickstoffform, die direkt auf die Pflanze wirkt und sie daran hindert, Spurenelemente und Mineralstoffe aufzunehmen. Bio ist eben nicht gleich Bio und leider muss ich sagen: Bio wurde konventionalisiert. Als Biobauer frage ich mich, wenn ich einen Pilz oder ein unerwünschtes Insekt auf meinen Kulturen finde, was ich falsch gemacht habe, dass diese überhandnehmen konnten. Noch nie haben wir auf unserem Betrieb Kupfer eingesetzt, obwohl dies in den BioRichtlinien erlaubt wäre.

DW: Bio ist heute so sehr verwässert, dass es schon fast wieder konventionell ist. Das heutige Bio ist meiner Meinung nach nicht die Lösung.

Sind die beiden Pestizidinitiativen eine Lösung?

DW: Wenn wir die Initiativen annehmen, ist es ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

EF: Wenn ich nicht über 40 Jahre erlebt hätte, dass es ohne Pestizide geht, oder wenn ich meinen Biostatus gegenüber der IP (integrierte Produktion) verteidigen möchte, wäre ich gegen diese Initiativen. Es ist aber das einzig Richtige, die Initiativen anzunehmen. Politik reagiert nur auf Druck. So wie mir heute unser Sohn dankt für unseren Mut zum Risiko, werden einmal Nachfolger danken für einen mutigen Entscheid. Darum müsste die Ernst Meier AG ein Vorzeigebetrieb sein und Verantwortung in Bezug auf den Einsatz von Pestiziden übernehmen.

Wie meinen Sie das?

EF: Wenn wir vorbeugend mit Fungizid spritzen, ist das etwas vom Schlimmsten. Wir machen die Pilze im Boden kaputt, die in den Zellen für die Regeneration, also das Immunsystem der Pflanzen, verantwortlich sind. Wir können so gar nie ohne Pestizide funktionieren. Wann wollen wir denn endlich lernen, ohne den «Karsumpel» zu leben? In Zeiten des Mangels oder in Zeiten des Überflusses ertrinken wie heute?

Herr Frischknecht: Was möchten Sie der Familie Meier als Rat mitgeben?

EF: Ich fände es eine wunderbare Signalwirkung, wenn die Firma Meier keine Herbizide mehr verkaufen würde. Gleichzeitig muss in der Gartenberatung erklärt werden, dass unbedeckte und unkrautfreie Erde nicht die Lösung ist. Die Erde will bedeckt sein. Das ist das grosse Problem. Jedes Unkraut und jedes Gras dient den Bakterien als Futter. Es muss nicht alles sauber sein in den Gärten und auch nicht zwischen den Pflanzen und Äckern. Wichtig ist Unkrautregulierung, nicht -vernichtung. Sie müssten im Garten-Center Alternativen vorleben, denn nur wenn die Leute die Prozesse erkennen und sich in die Natur einfühlen können, wird sich etwas verändern. Also den Humusaufbau fördern und vor allem merken, wo das Problem liegt und nicht sofort zur Chemie greifen. Stellen Sie sich vor, die Firma Meier würde diese Pionierrolle annehmen. Was das für eine Bedeutung hätte. Schweizweit würden sie bekannt. Für mich ist klar, dass die neue Meier-Generation dies umsetzen könnte. Die alte Generation muss lernen, die Jungen machen zu lassen, dann wird es gelingen.

Was ist der Glaube, dass es «gut kommt»?

EF: Es braucht «Giele» wie den Dominik. Dann scheint die Sonne.

DW: Ich glaube an die junge Generation und dass sie etwas erreicht.

Ein Wunsch an die Pflanzenfreund-LeserInnnen?

EF: Sie sollen dem Boden Sorge tragen und die Bedürfnisse des Bodens erkennen. Kauft nichts, was dem Boden schadet.

DW: Gärtnern ist die beste Medizin, um uns Menschen das Verständnis für die Natur wieder näherzubringen.