Hochbeete: die neuen Bünzli*-Gärten

Erwin Meier-Honegger ist Co-Geschäftsleiter der Firma Ernst Meier AG, Gärtner und setzt sich leidenschaftlich für seinen Berufsstand ein. Er ist international in zahlreichen Gremien aktiv und pflegt einen kritischen Blick auf seine Branche. In seinen Artikeln und Kommentaren nimmt er kein Blatt vor den Mund.

 

«Das Hochbeet gedieh ursprünglich auf der etwas anarchistischen Gartenidee, den von Nährstoffen strotzenden Komposthaufen unter wuchernden Nutzpflanzen zu verstecken.»


Diese Pflanzenfreund-Ausgabe widmet sich dem Schwerpunktthema «Waldgärten». Die Idee dahinter ist, sich selbst regulierende Ökosysteme zu kreieren, die der Natur nachempfunden sind. Kann diese Idee massentauglich werden? Wenn ich mir vor Augen führe, wie derzeit die meisten Hochbeete unterhalten werden, kommen mir arge Zweifel. Denn die Hochbeetkultur scheint mir ein guter Spiegel der aktuellen Naturmentalität: Man mag es pflegeleicht, berechenbar und am liebsten übersichtlich in «Reih und Glied». Nur ist doch die Natur exakt das Gegenteil von alledem.

Hochbeete gibt es mittlerweile in einer überfordernden Vielfalt. Ähnlich wie bei den Automodellen gibt es vom Statussymbol bis zum Kompaktmodell alle erdenklichen Ausprägungen. Wobei dem Gemüse das Chassis ja ziemlich egal ist. Die Pflanzen interessieren sich viel mehr für das, was beim Auto unter der Motorhaube ist – und das ist beim Hochbeet die Erde. Diesbezüglich wird in der Hochbeetwelt so manches Statussymbol mit einem besseren Töfflimotor betrieben.

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Das Hochbeet gedieh ursprünglich auf der etwas anarchistischen Gartenidee, den von Nährstoffen strotzenden Komposthaufen unter wuchernden Nutzpflanzen zu verstecken. Das hat super funktioniert und Kompostgitter und -haufen waren rasch üppig bewachsen. Angenehmer Nebeneffekt: Die Arbeit am Kompostgemüse erfolgt auf bequemer Griffhöhe.

Bald war der Komposthaufen kein «wertloser» Platzfresser von geringem ästhetischen Wert mehr, sondern praktisches Hügelbeet mit üppigem Ertrag. Entsprechend hatte man Geduld mit dem Komposthaufen und bepflanzte diesen in den ersten Jahren nach dem Aufsetzen mit Starkzehrern wie Aubergine, Kartoffel, Kürbis, Gurke, Melone, Zucchini, Tomate und Peperoni. Sie belohnten den nährstoffreichen und lebendigen Standort mit hohen Erträgen. Nicht zuletzt auch darum, weil der Rotteprozess zu einer Wärmeentwicklung führt, die wiederum das Pflanzenwachstum fördert. Vor allem im ersten Jahr ist die Bodentemperatur messbar erhöht, was wärmeliebenden Pflanzen wie Aubergine, Tomate und Chili zugutekommt. 

Als in den Folgejahren die Verrottung weiter fortgeschritten war, hielten auch Schwachzehrer auf Hügel- und Hochbeeten Einzug. Und noch später wurde die aus dieser «kultivierten» Kompostierung hervorgegangene Erde im Garten verwendet. Parallel dazu wurde der Komposthaufen frisch angelegt, sodass die Erfolgsgeschichte von vorne beginnen konnte.

Die Kommerzialisierung dieses Systems liess natürlich nicht auf sich warten. Aus den Hügelbeeten entwickelten sich Hochbeete, die letztlich rundum eingefasste Hügelbeete darstellen. Es sind sozusagen Hügelbeete in der Kiste. Ob der mittlerweile prächtigen Kisten hat man jedoch den ursprünglichen Inhalt vergessen. Das Hochbeet wird heute mehrheitlich mit möglichst günstiger Fertigerde gefüllt oder mit einem Zwischenboden versehen. Aus einem lebendigen, von der Natur abgeschauten Kompostsystem ist eine artifizielle Gemüsekiste geworden. Nicht besser oder schlechter als jede «bünzlige» Geranienkiste – irgendwie ordentlich naturfremd. Und was bedeutet das für die Zukunft der sogenannten Waldgärten? Was wird wohl herauskommen, wenn sie massentauglich gemacht werden sollen?

*Bünzli

Ursprünglich ein Zürcher Familienname, der entweder auf das mittelhochdeutsche Wort «Bin[e]z» (= Binse, grasartige Sumpfpflanze) oder auf das ebenfalls mittelhochdeutsche Wort «Punze» (= geeichtes Weinfässchen) zurückgeht, hat das Wort im 20. Jahrhundert die Bedeutung «Spiessbürger» bekommen. Ausgangspunkt hierfür dürfte die ordentliche und sparsame Züs Bünzlin aus Gottfried  Kellers Novelle «Die drei gerechten Kammmacher» (1856) sein. Die populäre Bühnenfigur Heiri Bünzli aus Fredy Scheims Dialektposse «Käsefabrikant Heiri Bünzli» und aus den von ihm geschriebenen Filmen «Bünzlis Grossstadt-Erlebnisse» (1930; Regie: Robert Wolmuth) und «Ohä lätz! De Bünzli wird energisch!» (1935) haben zweifellos das ihrige dazu beigetragen, die heutige Bedeutung Spiessbürger im allgemeinen Sprachgebrauch zu verankern.

Quelle: Christoph Landolt, Martin H. Graf 

 
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